Elektrakomplex
Copyright: Forgiss bigstockphoto

Symptome, Entstehung und Verhalten beim Elektrakomplex

Bereits Marilyn Monroe besang im Klassiker „My heart belongs to Daddy“ die innige Bindung einer Tochter zu ihrem Vater. Die Frage, was ist der Elektrakomplex, wird damit aber nur in Teilen beantwortet. Das Thema ist ein wenig komplexer, und darum schauen wir es uns auch genauer an.

Von Ödipus bis Elektra

Sigmund Freud begründete zunächst den Begriff „Ödipuskomplex“. In Freuds Definition fühle sich jeder Junge in jungen Jahren außergewöhnlich zu seiner Mutter hingezogen. Nach dem Erreichen des sechsten Lebensjahres würde diese ganz normale Entwicklungsphase jedoch relativiert.

Der bekannte Psychologe Carl Gustav Jung definierte als Gegenstück zur freudschen Theorie den Elektrakomplex. Elektra, eine Figur der griechischen Mythologie, liebte ihren Vater so sehr, dass sie dessen Tod rächte, und mit ihrem Bruder die gemeinsame Mutter und deren Liebhaber ermordete. Der Elektrakomplex bezeichnet also die grenzenlose Liebe einer Tochter zu ihrem Vater.

Keineswegs abwegig!

In C.G. Jungs Ausführungen würde ein Mädchen bis zum dritten Lebensjahr eine größere Bindung zur Mutter als zum Vater erfahren. Das würde sich dann aber ändern. In den folgenden drei Jahren wäre der Vater das große Vorbild. Die Mädchen würden um seine Aufmerksamkeit buhlen und gar die Mutter als Konkurrentin wahrnehmen.

Nur zu gerne spielten kleine Mädchen die Mütter gegen die Väter in dieser Lebensphase aus, und lernten, wie sie ihren Papa um den Finger wickeln könnten. Soweit ist alles normal und Millionen von Familien erleben es jeden Tag. Und doch gibt es eine schon fast krankhafte Variante des Elektrakomplexes.

Wenn die überzogene Liebe kein Ende nehmen will

Nach der Phase, die ein kleines Mädchen eher an den Vater bindet, kommen meist die Jahre, in denen wieder mehr der Mutter nachgeeifert wird. Die Kinder empfinden die weibliche Bezugsfigur dann als Vorbild und wollen so werden, wie ihre Mama. Trotzdem ist es ganz normal, wenn sich Mädchen auch später etwas mehr mit dem Vater als mit ihrer Mutter verbunden fühlen.

Nur selten schlagen Väter ihren Töchtern Wünsche ab, was die Mütter dann immer ein wenig in die Ecke drückt, und sie als die „böse“ oder mehr „autoritäre“ Figur in der Erziehung abstempelt. Doch es gibt auch Fälle, bei denen die Liebe für den Vater auch nach dem Teenageralter beinahe grenzenlos zu sein scheint. Gerne redet der Volksmund hier von einem Vaterkomplex, besonders wenn sich junge Frauen dann hauptsächlich zu wesentlich älteren Herren hingezogen fühlen.

Oft ziehen diese jungen Frauen dann auch Vergleiche von ihrem Partner zu ihrem Vater. Das beginnt bei der Art des Lächelns bis hin zu einem bestimmten Tonfall oder der Marke des Aftershaves, das ihr Partner benutzt. Je mehr Parallelen sich zwischen diesem älteren Partner und dem Vater finden, um so inniger ist meist die Beziehung.

Die Vergleiche werden übrigens meist eher unbewusst gezogen. Die Frau ist sich dieses Umstands nicht bewusst.

Einmal Prinzessin, immer Königin

Schwierig wird der Elektrakomplex genau dann, wenn ein Vater seine Tochter ebenso vergöttert, wie sie es von ihm erwartet. Macht er sie zu seiner Prinzessin, gibt ihr all die Liebe, die sie sich wünscht und kauft ihr alles, was sie haben möchte, so erwartet die Tochter das auch im weiteren Verlauf von ihren Lebenspartnern.

Sie möchte immer wie eine Göttin verehrt werden, alles andere kommt für sie nicht infrage. Beziehungen zerbrechen häufig an so einer Verhaltensweise, oder sie gestalten sich als äußerst schwierig. Allerdings hat die junge Frau auch nie gelernt, dass es auch einmal ein „Nein“ geben muss, und dass sich die ganze Welt eben nicht nur um ihre Person zu drehen hat.

Wird ihr dieses Recht aberkannt, kann sie durchaus launisch und ungehalten reagieren, nicht selten werden solche Frauen zum Sinnbild des zänkischen Weibes. Für den Mann an ihrer Seite ist ihr Verhalten nicht nachvollziehbar. Vor allem kann er sich abmühen und versuchen, ihr alles Recht zu machen, und doch wird er über kurz oder lang an seiner Aufgabe scheitern.

Kann Elektra geholfen werden?

Eine wirkliche Therapie für die junge Frau mit dem Vaterkomplex gibt es an und für sich nicht. Die Problematik muss im Rahmen einer herkömmlichen Paartherapie unter die Lupe genommen werden. Für die Frau bedeutet das letztlich, dass sie sich vom Ideal ihres Vaters innerlich verabschieden muss. Sie muss loslassen und dem Partner zugestehen, dass er eben nicht die Vaterfigur in ihrem Leben darstellt, sondern einen gleichberechtigten Lebensgefährten mit eigener Meinung und eigenen Vorstellungen.

Bevor die Frau das nicht akzeptiert, wird das Fortführen einer Beziehung schwierig sein. Und doch sind Damen mit diesem Komplex keine hoffnungslosen Fälle. Sie haben einfach die Kindheit sehr genossen und sich für ihre Zukunft einen Mann vorgestellt, der wie ihr Vater ist.

Abschließend sollte noch erwähnt werden, dass junge Frauen nicht nur unter dem Elektrakomplex leiden, weil sie wie eine Prinzessin behandelt wurden. Auch wenn sie bei ihrem Vater auf elterliche Zärtlichkeit und Zuwendung verzichten mussten, erhoffen sich Betroffene einen Partner, der dem Vater ähnelt und dabei noch das erfahrene Defizit an Gefühlen ausgleicht, das in der Kindheit entstand.

Unerfüllte Hoffnungen und Sehnsüchte führen dazu, dass die jungen Frauen sich gerne sinnbildlich an den Partner klammern und ihm mehr Aufmerksamkeit abverlangen, als für eine Beziehung gut ist. Auch solche Partnerschaften halten nicht lange, da der Mann häufig jeder Freiheit beraubt wird.

In jedem Fall ist der Elektrakomplex ein Problem, das tief sitzt und sowohl elterliche Beziehungen spalten kann, als auch zukünftige Partnerschaften im Keim zu ersticken droht. Ohne therapeutische Hilfe wird jede Bemühung, sich zu ändern, schwer. Und wie auch bei Suchterkrankungen müssen Betroffene erst selbst das Problem erkennen und akzeptieren, bevor ihnen geholfen werden kann.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (3 Bewertungen: 5,00 Punkte, von möglichen 5)