Retikulozyten – Aufgaben und Entwicklung

Aufgabe der Retikulozyten und die Bedeutung Ihrer Werte

Retikulozyten sind unreife rote Blutkörperchen typischerweise bestimmen Sie etwa 1% der roten Zellen im menschlichen Körper. Retikulozyten entwickeln und reifen im Knochenmark um dann für einen Tag im Blutkreislauf zu zirkulieren, bevor die Entwicklung zu reifen roten Blutzellen stattfindet.  Retikulozyten sind noch nicht fertig entwickelte rote Blutkörperchen. Sie sind ein wenig größer als diese und sind ebenso ohne Kern. Allerdings enthalten die Retikulozyten noch Überreste von RNS und Zellorganellen. Diese Überreste können mit speziellen Farbstoffen – beispielsweise Nilblau oder auch Brillantkresylblau – im Zytoplasma angefärbt werden.

Retikulozyten unter dem Mikroskop
Retikulozyten – Urheber: toeytoey / 123RF Lizenzfreie Bilder

Dadurch werden sie unter einem Lichtmikroskop als granuliertes, feines Netz optisch wahrgenommen. Bei der Entwicklung der Zelle bis zum gereiften Erythrozyten kommt es zur Entsorgung durch Exozytose1) und Autophagie2).

1) Bei der Exozytose handelt es sich um einen umfangreichen Prozess, der verschiedene Stoffe aus einer Zelle hinaus befördert.

2) Die Autophagie trägt zum Abbau eigener Bestandteile, beispielsweise fehlgefalteter Proteine, bei. Sehr oft wird im Verlauf dieses Prozesses das Abbauprodukt weiterverwertet.

Was wird unter Retikulozyten verstanden?

Die noch nicht gänzlich ausgereiften roten Blutkörperchen werden in der Fachsprache als Retikulozyten bezeichnet. Sie verfügen – genau wie die ausgereiften Erythrozyten – über keinen Zellkern. Allerdings befinden sich in deren Zellplasma noch Erbinformationen, kurz RNA, sowie das endoplasmatische Retikulum, welches für spezifische Vorgänge des Zellstoffwechsels verantwortlich zeichnet. Zu erkennen ist das endoplasmatische Retikulum unter dem Mikroskop durch sein markantes an ein Netz erinnerndes Aussehen. Kam es zum Ausstoß des endoplasmatischen Retikulums und der RNA, so sind die Retikulozyten zum Erythrozyten heran gereift.

Das Quantum an Retikulozyten innerhalb Ihres Blutes macht Rückschlüsse auf die Aktivität der Blutbildung im Knochenmark möglich. Dadurch kann der Arzt Informationen über

  • eine vorliegende Blutarmut
  • eventuelles Doping zur Erhöhung der Blutbildung
  • mögliche Infektionen
  • Veränderungen infolge Sauerstoffmangels, beispielsweise in großer Höhe

erhalten. Im peripheren Blut liegt der Anteil an Retikulozyten im Allgemeinen bei circa 0,5 bis 1,5 %. Dies entspricht rund 30.000 bis 80.000 Zellen/µl Blut.

Das gehäufte Vorkommen der Retikulozyten im Blut wird auch als Retikulozytose bezeichnet. Innerhalb der Differentialdiagnostik von Anämien – Blutarmut – können nachfolgende Parameter, die von den Retikulozyten abhängig sind, bestimmt werden:

  • Anzahl der Retikulozyten
  • Index
  • Produktionsindex
  • Retikulozytenhämoglobin, Ret-Hb
  • Retikulozytenreifeindex, IRF-Wert

Zur Bildung von Retikulozyten kommt es innerhalb des Knochenmarks. Diese werden in das Blut hinaus befördert, wo sie binnen weniger Tage zu reifen Zellen heran wachsen. Dabei ist ihr Anteil im Blut relativ gering. Liegt jedoch ein Blutverlust oder Mangel an Sauerstoff vor, so kann ihr Anteil sich erhöhen.

Zeitpunkt der Bestimmung der Retikulozyten

Sofern eine Blutarmut vorliegt oder Blutkrebs diagnostiziert wurde, macht sich eine Bestimmung des Anteils der Retikulozyten im Blut erforderlich. Gleiches gilt auch nach einer Stammzellentransplantation oder während einer Therapie mit Folsäure, Eisen oder Vitamin B12.

Frauen verfügen prozentual über eine etwas höhere Menge an Retikulozyten als Männer.

Geschlecht Anteil der Retikulozyten in %
Frauen zwischen 0,54 bis 2,02
Männer zwischen 0,48 bis 1,64

 

Wann zu wenig oder zu viel Retikulozyten im Blut vorliegen

Liegt bei Ihnen im Knochenmark eine Zellbildungsschwäche vor, kann es vorkommen, dass im Blut zu wenig Retikulozyten vorhanden sind. Des Weiteren können zu diesem Umstand bestimmte Erkrankungen führen, wie zum Beispiel

  • Blutarmut
  • Blutkrebs
  • Nierenschwäche
  • Ständige Unterversorgung mit Eiweiß, Eisen oder Vitaminen
  • Tumore
  • Unterfunktion der Schilddrüse
  • Virusinfektionen

Aber auch ein Doping mit Blutkonserven oder auch blutbildenden Hormonen kann maßgeblich zu einer verringerten Anzahl von Retikulozyten innerhalb Ihres Blutes beitragen.

Bei einer zu hohen Menge der Retikulozyten besteht kein Grund zur Besorgnis. Denn dabei handelt es sich um einen ganz normalen Mechanismus des menschlichen Organismus. Von Seiten des Knochenmarks werden in diesem Fall – zum Beispiel bei Vorliegen einer Anämie – verstärkt rote Blutkörperchen produziert. Liegt eine Schädigung des Knochenmarks vor oder regeneriert sich dieses, kann ebenfalls die Anzahl der Retikulozyten im Blut für einen kurzen Zeitraum erhöht sein. Ferner tragen zu einem erhöhten Anteil derselben eine Zufuhr von Vitaminen und Eisen im Rahmen einer Blutarmut bei.

Zu hohe oder niedrige – Retikulozyten Werte

Zunächst kein Grund zur Sorge bei Vorliegen einer Veränderung der Anzahl von Retikulozyten:

Verändert sich die Anzahl der Retikulozyten im Blut, ist hieran nichts Krankhaftes zu erkennen. Es geht einzig darum, dass seitens des Knochenmarks auf verschiedene Zustände im Körper des Menschen mit einer verstärkten Bildung von Retikulozyten reagiert wird. Liegt allerdings ein erheblicher oder anhaltender Anstieg vor, muss eine ärztliche Kontrolluntersuchung erfolgen.

Sollte die Erhöhung der Retikulozyten basierend auf einer Blutarmut zustande kommen, dann können Sie damit rechnen, dass sich im Verlaufe der Behandlung die Anzahl derselben in Ihrem Blut von allein wieder reguliert. Nur in äußerst seltenen Fällen ist der Grund für eine verringerte oder erhöhte Anzahl von Retikulozyten unklar. In diesen Situationen macht sich eine Klärung mithilfe zusätzlicher Blutuntersuchungen erforderlich. Gelegentlich kann auch eine Knochenmarkspunktion zum Einsatz kommen.

Fazit zu den Retikulozyten

Retikulozyten sind noch junge, unreife rote Blutkörperchen. Deren Bestimmung macht sich in der Hauptsache auf Grund einer Blutarmut erforderlich. Ferner kann die Bestimmung der Retikulozyten hilfreich sein, um abzuklären, ob unter Umständen eine Behandlung mit Eisen, Folsäure oder Vitamin B12 nützlich sein könnte.

Quellen:

http://flexikon.doccheck.com/de/Retikulozyt

http://www.netdoktor.de/laborwerte/retikulozyten/

 

Letzte Aktualisierung am

Literatur:

  • Wolfgang Piper: Innere Medizin. 2. Auflage. Stuttgart 2012: Springer-Verlag.
  • Gerd Herold: Innere Medizin. Köln 2016: G. Herold Verlag
  • Duale Reihe Medizinische Mikrobiologie, Georg Thieme Verlag, 4. Auflage, 2009
  • Robert Koch-Institut: RKI-Ratgeber für Ärzte
  • Deutsches Ärzteblatt, Studien und aktuelle Nachrichten
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